Gestalttherapie und Gestaltberatung

Die vielfältigen Herangehensweisen der Gestalttherapie werden heute nicht nur direkt von HeilpraktikerInnen in den Praxen für Psychotherapie genutzt, sondern auch in vielen Berufen von BeraterInnen und TrainerInnen zur Unterstützung ihrer sozialen und fachlichen Kompetenz. Das gilt für alle Berufsfelder, in denen Kompetenzen im zwischenmenschlichen Umgang besonders gefragt sind, wie z. B. Sozialarbeit, Pädagogik und Seelsorge, Organisations– und Persönlichkeitsentwicklung.

So wendet sich unsere mehrjährige, berufsbegleitende Fortbildung besonders an Menschen, die berufliche Qualifikation und persönliche Weiterentwicklung verknüpfen möchten. Sie bietet Unterstützung in der persönlichen Entwicklung ebenso wie unverzichtbare Qualifikationen für diese Berufsbereiche. In der Fortbildung geförderte Fähigkeiten sind u.a.

Diese Erweiterungen der sozialen Kompetenzen verweben sich im Verlauf der Fortbildung mit den klassischen Lehrinhalten der Gestalttherapie.

Start und erste Schritte

"Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen."
Hesse

Den Zauber des Anfangs nutzen! In den ersten Gestaltbegegnungen dreht sich Vieles um diese ersten Kontaktaufnahmen. Mit den anderen Teilnehmern, der Gestaltarbeit und sich selbst. Es sind die ersten Schritte auf einer längeren Reise, alles ist noch neu und unerforscht und für einen Augenblick noch arm an Erwartungen. Das ist die Zeit, in der die Arbeitsatmosphäre der kommenden Zusammenarbeit gemeinsam kreiert wird. Zeit für die besondere Intensität erster Begegnungen.

Die unterschiedlichen Formen der Arbeit können erlebt und kennen gelernt werden, wie Einzel- oder Gruppenarbeit und eine Vielzahl an Kontakt–, Körper- und Wahrnehmungsübungen. Für die ganze Bandbreite der gestalttherapeutischen Möglichkeiten, die in den folgenden Wochenenden gelernt, vertieft und theoretisch untermauert wird, wird in dieser Zeit der Grund gelegt. Der Grund, auf dem die Figuren der einzelnen Themen und Interventionen hervortreten können.

Zentraler Teil der Arbeitsgrundlage, die in dieser Zeit gemeinsam erarbeitet wird, ist eine therapeutische Haltung, die geprägt ist von Respekt, Authentizität und Dialog. Als weitere Stichworte für die Quellen dieser Haltung seien hier noch die Prinzipien der Humanistischen Psychotherapie und das Dialogische Prinzip Martin Bubers genannt.

Hier und Jetzt: Gewahrsein und Bewusstheit

"Hier und Jetzt" ist einer der Begriffe, die im Zentrum der Gestaltarbeit stehen. Die Vergangenheit ist vorbei, das Morgen noch nicht da, was also ist jetzt, hier? Kannst du diesen Moment bewusst erleben oder ist er überschattet von den inneren Filmen der Vergangenheit oder den Plänen für die Zukunft. Lebendiges Leben aber findet im Augenblick des Erlebens statt. Wessen bist du dir jetzt bewusst? Was nimmst du in diesem Moment wahr? Das sind zwei der typischen Fragen, die den Geist raus aus den Verstrickungen von Vergangenheit und Zukunft zurück in den gegenwärtigen Moment bringen.

Gerade in einer von Multitasking und Klingeltönen beherrschten Umwelt ist die Verwurzelung im "Hier und Jetzt" des gegenwärtigen Momentes von unvermindert starker Bedeutung. Ein Gegenmittel für die zunehmende Zerstreuung der Aufmerksamkeit. Ein Weg, den inneren Monolog zum Stillstand zu bringen.

Die inneren Filme
Psychodrama, Rollenspiel, Inszenierungen

Der Gestalttherapie stehen viele Ausdrucksformen und Inszenierungsmöglichkeiten zur Verfügung, um dem automatischen Abspielen der inneren Filme und Automatismen entgegenzuwirken und spielerisch neue Alternativen zu erkunden.

Wer kennt nicht dieses Gefühl, sich im falschen Film zu befinden, wie es sich bei manchen Begegnungen mit der Chefin oder dem Partner einstellt. Alle Beteiligten scheinen einem Skript zu folgen, fast wie Schauspieler, die ihr Stück in– und auswendig kennen und nur noch aufzuführen brauchen. Sie folgen einem Drehbuch und nicht dem eigenen freien Wollen und Streben. Szenen, die so wiederholbar und vorhersehbar scheinen wie ein Film, den man sich zum wiederholten Male ansieht.

Diese Spiele der Erwachsenen funktionieren am besten, wenn sie unbewusst ablaufen. Als eine Gegenkraft zu diesen unbewussten Inszenierungen bietet sich Gewahrsein oder Achtsamkeit an, um Auswege aus diesen Automatismen zu finden. Zu den spielerischen Alternativen der Gestalttherapie gehören:

     
  • Inszenierungen und Rollenspiele;
  • die Arbeit mit dem Leeren Stuhl, um z.B. innere Dialoge sicht– und hörbar zu machen
  • Elemente aus dem Psychodrama
Auf diese Weise können Situationen aus der Erinnerung und dem Erzählen ins körperliche Erleben des Hier und Jetzt gebracht werden, neue Erfahrungen gemacht und verkörpert werden.

Kreativität und Freiheit

Kreativität und Freiheit sind in der Gestalttherapie gleichzeitig Ziel und Weg. Ziel ist es, als Anwalt in eigener Sache für seine Angelegenheiten kreativ und frei eintreten zu können. Auf dem Weg dahin, gibt es in der Gestalttherapie eine Fülle an kreativen Übungen und Interventionen. 

Für Sigmund Freud waren die Träume der Königsweg zum Unbewussten. In der Gestalttherapie sind es neben den Träumen eben auch die unterschiedlichen Möglichkeiten kreativen Ausdrucks, wie Tanz, Malen, Gestalten und Singen, die einen freien Austausch mit unbewussten Anteilen fördern. Aber auch hier gilt: Gewahrsein und Dialog, statt festgelegter Interpretation.

In diesem Sinne sind gestalten und kreativer Ausdruck schon ein zentraler Anteil der Gestalttherapie, aber der Begriff Gestalt ist weit mehr, als kreativer Ausdruck und das Nutzen kreativer Medien. Er bezeichnet die Ganzheitlichkeit der Arbeit. Ganzheitlichkeit im Menschenbild, als Verknüpfung von Körper und Geist, von Individuum und System, Ganzheitlichkeit und Integration aber eben auch in den Methoden und Übungen.

Grundlagen der Gestalttherapie

Die Gestalttherapie ist die Therapie des Erlebens mit einer reichen Palette an Körperübungen, Inszenierungen, kreativen Impulsen und erfahrungsorientierten Interventionen.

Erleben ist der Schlüssel zu Veränderung. Erklärungen und intellektuelles Verstehen sind oft Grundlage und Wegweiser, aber das Leben ist körperliches Er–Leben.

Eine Ausbildung aber braucht theoretische Eckpunkte, Landkarten und Wegweiser, die Orientierung bieten. Wegweiser, die die Kernelemente der Gestaltarbeit lernbar machen, und sie in den Sitzungen mit eigenen Klienten wieder lebendig werden zu lassen.

Theorie dient dem Erleben, der Fähigkeit, das Erlebte und Erlernte in der eigenen Arbeit umzusetzen. Das ist der Leitfaden, der der Theorievermittlung seine Gestalt gibt. Um das auf möglichst vielfältige und kreative Art zu tun, verwenden wir unterschiedliche Wege und Formen der Theorievermittlung, wie Vorträge, Lektüre, Gruppenarbeit und Referate. Inhaltlich orientieren wir uns an den zentralen Schlüsselbegriffen der Gestalttheorie. Wie z. B.:

  • Gestalt und Gestaltpsychologie
  • Gestaltprozess
  • Gewahrsein und Achtsamkeit
  • Das dialogische Prinzip
  • Kontakt, Störungen und Funktionen
  • Hier und Jetzt
  • Paradox der Veränderung
  • Bedürfnis
  • Präsenz
  • Würdigung
  • Die Wirkung des Feldes
Die Orientierungshilfen durch die Schlüsselbegriffe werden so helfen, einen guten persönlichen Kompass zu erstellen, um sich in der Fülle der Möglichkeiten gestalttherapeutischer Interventionen und Herangehensweisen zurecht zu finden.

Gestalt, Feld und System

In diesem Segment der Fortbildung steht die Verbundenheit, das Geflecht der Beziehungen, in dem wir leben im Vordergrund. Familienstrukturen, soziale Ordnungen, Verstrickungen in der Arbeitswelt, um nur einige Beispiele zu nennen, benötigen eine etwas andere, weitere Perspektive. Um dem Rechnung zu tragen, werden wir uns in einem Teil der Fortbildung mit Methoden und Übungen vertraut machen, die die oft unsichtbaren Regeln und Muster in familiären oder beruflichen Beziehungen ans Licht bringen.

Systemische Fragen, Genogramme, Familien– und Organisationsskulpturen, Arbeit mit dem Familienbrett und Aufstellungen sind mögliche Ansätze, um die verdeckten Muster und Geflechte sicht- und erlebbar zu machen. Und auch hier, wie so oft in der Gestalttherapie, ist Bewusstheit und Gewahrsein dieser Verknüpfungen oft der Schlüssel zu ihrer Veränderung.

Gestalt–Körperarbeit

Der Körper ist zentral in der Gestalttherapie, alles Leben findet im Körper statt. Gefühle, Schmerz, Trauer, Glück sind Körpergefühle. Aber die Arbeit mit dem Körper verweigert sich dem Zeitgeist. Statt um Körperbeherrschung, Vorbeugung und Verbesserung geht es um Loslassen, Achtsamkeit und Lebendigkeit. Nicht Kontrolle gewinnen, sondern lernen, die Kontrolle aufzugeben. Nicht verbessern, sondern anerkennen und annehmen, was ist.

De–Kontrollieren, zu lernen, loszulassen ist viel mehr als bloße Entspannung. Der Weg aus der ständigen Kontrolle des Körpers ist "awareness", Achtsamkeit oder gewahr sein und der organismischen Kraft des Körpers folgen. "Lass geschehen, was geschieht" klingt fast banal und doch ist es oft nicht einfach, wirklich innerlich bei den Gefühlen und Empfindungen zu bleiben, ohne sich durch Fluchten in Erinnerungen, Zukunftsträume oder Bewertungen zu verlieren.